Gesund bleiben: Resilienz, was ist DAS eigentlich?

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Resilienz. Ein Begriff nimmt Fahrt auf, wie ein Porsche oder flotter BMW. Nachhaltigkeit 2.0 sozusagen. Gute Systeme seien „resilient“, heißt es nun allerorten. 

Auch ich habe „Resilienz“ in meinem letzten Beitrag erwähnt. Als Reaktion darauf habe ich gelesen: Ich wollte schon immer mal wissen, was das bedeutet. Und weil der Kunde ist König…

Als resilient gelten Menschen und Systeme, die trotz negativer Einflüsse gesund bleiben. Zuerst fand das Wort in der Medizin beziehungsweise in der Kinderpsychologie Einzug: Ein Mensch, der Probleme erlebt, die von Außen kommen und dennoch sein Weltbild, sein Selbstbewusstsein und auch sein Verhalten beibehalten kann, gilt als „widerstandsfähig“. Dem, was von Außen kommt, extreme Stressoren zum Beispiel, folgt nicht der Systemzusammenbruch, zum Beispiel eine Psychose. Bei Menschen kann der Tod wichtiger Bezugspersonen ein solches Stress-Ereignisse sein.

Was hat das aber mit Politik bzw. Nachhaltigkeit zu tun?

Das beschriebene Modell auf kulturelle Systeme zu übertragen, begann schon 1967 mit dem Anthropologen Rapaport. Besonders prominet wurde es in der Nachhaltigkeitsdebatte seit 2004 durch Rob Hopkins, einem der Begründer der Transition Town Bewegung.

In dem Gedankengebäude spielt es eine wesentliche Rolle, dass die Städte (wieder) resilient werden sollen. Eine Studie zeigte, dass das urbane Ernährungssystem der Gegenwart „nicht resilient“ ist. Wenn nämlich kein Benzin mehr zur Verfügung stünde, wären innerhalb von 3 Tagen die Supermarktregale leer und in weniger als einer Woche würde Hungersnot in den britischen Städten herrschen.

Der Patient „Town“ (= Stadt) würde unter dem von Außen (Ölknappheit) kommenden Problem zerbrechen und seine Routinen nicht aufrecht erhalten können. Krankheiten zu verhindern, gesellschaftlich betrachtet sind das zum Beispiel Chaos und Gewalt, ist die wesentliche Absicht der Resilienz-Debatte. Im Kontext der Bewegung braucht es einen Wandel (=Transition) der Lebensweisen in den Städten und auch global.

Der Unterschied zwischen Nachhaltigkeit und Resilienz?

Nachhaltigkeit anzustreben bedeutet, möglich kurz zusammen gefasst, dass man das Vorhandene nur soweit nutzt, dass es auch zukünftigen Generationen noch zur Verfügung steht, weil es nicht verbraucht ist.

Resilienz zu verlangen bedeutet hingegen, dass das Verschwinden von etwas (oder auch andere mächtigen Ereignisse, die ins System hinein wirken) nicht den Gesamtzusammenhang gefährden darf. Im Grunde geht es also nicht zuletzt darum, die systemrelevanten Faktoren zu identifizieren und ihr Vorhandensein zu sichern oder rechtzeitig für Ersatz zu sorgen.

Die nicht unwichtige politische Frage: Was ist systemrelevant?

Während in ökologischen Fragen die Nachhaltigkeit noch recht substanziell und verhältnismäßig naturwissenschaftlich ist (wenn wir über grenzenlose Daten verfügen), kann die Resilienz von Systemen sehr interpretierbar sein. Was ist „Gesund genug“?

Hinzu kommt, dass die „Medizin“ sehr verschieden gedacht werden kann. Gesunde Lebensweise, Homöopathie oder Hormonersatz mit Medikamenten? Oder wie gesund (resilient) ist der boomende Arbeitsmarkt?

Beispiel: Ist der deutsche Arbeitsmarkt resilient?

Für das Arbeitsmarktmodell der Bundesrepublik Deutschland sind die Autobauer und ihre Zulieferer recht bedeutsam. Ist jenes Arbeitsmarktmodell widerstandsfähig genug, wenn ein Dieselgate den Autobauern (der Bauernverband möge mir verzeihen) die geschäftliche Grundlage entziehen könnte?

Oder könnte das Arbeitsmarktsystem auch ganz anders stabil gebaut sein?

Wäre das gesellschaftliche System weiterhin stabil, wenn die Verpflichtung zur Arbeit durch ein Grundeinkommen völlig verändert wäre? Ist ein System stabil, dass durch ein Dieselgate zerstört werden kann? Und wer entscheidet, in welcher Richtung sich diese Pfadabhängigkeiten entwickeln und zu einem gefährlichen Gemisch verknoten?

Wenn ich zu lange darüber nachdenke, geht mir der Seelenfrieden verloren. Bin ich eigentlich resilient gegenüber den politischen Stressoren? Nehmen wir besser Fahrt raus. Schalten wir einen Gang runter. Entschleunigen… ein anderer Begriff der Szene. Für heute erst mal raus aus Mercedes Benz oder VW. Ich schlendere mit meinem Rad oder sogar zu Fuß an der Leine entlang. Bleiben Sie gesund!


Felix Kostrzewa arbeitet als Kulturmanager beim Wissenschaftsladen Hannover e.V. und hat sich der Arbeit für eine zukunftsfähige Gesellschaft verschrieben. In der Rundschau verschreibt er sich hoffentlich selten, aber wenn, dann schreibt er für eine bewusste und ganzheitliche Perspektive auf die Themen der Nachhaltigkeit. Wünschenswert ist es, wenn es nachhallt.

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