CeBIT-Rundgang: Marvin kann auch Yoga

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Die großen dunklen Augen fixieren mich. Der runde Kopf dreht sich hin und her. Pepper wirkt unschlüssig. Doch dann trifft er eine Entscheidung und teilt er mir mit seiner künstlich klingenden Stimme mit: „Sie sehen heute angespannt aus“. Stimmt, denke ich, und sage Ja. Peppers Interesse ist geweckt. Umgehend informiert er mich über tolle Produkte, die für meine Kunden, falls diese sich ebenfalls angespannt fühlen sollten, bestens geeignet seien. Und ganz plötzlich verstummt er. Das mag daran liegen, dass ich mit Pepper nicht allein bin. Pepper, der kleine humanoide Roboter, ist für eine 1:1-Kommunikation konzipiert, erklärt mir die freundliche Dame am Messestand von Softbank, einem japanischen Telekommunikationsunternehmen. Und für Zweiergespräche zwischen Mensch und Roboter ist auf der CeBIT kein Platz. Zahlreiche Besucher drängen sich um die etwa 1,20 Meter hohe Kunstfigur. Pepper hört Stimmen, sieht Gesichter, erkennt Mimik und Gesten, muss viele Eindrücke verarbeiten. Multitasking scheint nicht sein Ding zu sein. Einmal ist sogar ein Neustart erforderlich.

Pepper ist vielseitig einsetzbar.

Die CeBIT 2017 steht ganz im Zeichen der Künstlichen Intelligenz (KI). Roboter, Humanoide, selbstfahrende Autos und Big Data. Industrie 4.0 war gestern, heute lautet das Motto „Society 5.0“. Die Digitalisierung verändert nicht nur Wirtschaft und Industrie, sondern macht auch vor der Gesellschaft und dem Alltag nicht halt. Gesellschaft 5.0 bedeutet, das die Kollegen künftig Pepper heißen können und Roboter im Lokal an der Ecke Sushis servieren. Auf der Messe hat mir tatsächlich ein Roboterkellner Sushis serviert. Der Roboter sah sehr nach Industriehalle aus. Langer Gelenkarm mit Greifzange als Hand. Per Sensor erkennt der Roboter, so wurde mir erklärt, ob eine Frau oder ein Mann vor ihm am Tresen sitzt.  Ich wurde als Frau identifiziert und bekam via Tablet, das neben mit stand, bestimmte Shushi-Gerichte vorgeschlagen, die angeblich Frauen bevorzugen würden. Ich konzentrierte mich auf ein bestimmtes Angebot, die Farbe Orange gefiel mir. Der Roboter sollte nun meine Präferenz erkennen und mir genau das gewünschte Gericht servieren. Tat er natürlich nicht, er brachte mir ein gelbes Shushi-Teil (die Shushis waren übrigens aus Plastik). Mit seinen Sensoren fixierte mich der Roboterarm, verbeugte sich leicht und erkundigte sich, ob alles okay sei. Ich nickte zurück und sagte Yes. Ich wollte mich nicht auf eine Diskussion einlassen und fragte mich, ob ich mit einem richtigen Kellner, also einem Menschen, genauso nachsichtig umgegangen wäre.

Roboter sind auf der CeBIT echte Publikumsmagneten. Sie verkörpern die digitale Zukunft. Am Stand von Softbank erfahre ich, dass Pepper in der Arbeitswelt vielseitig einsetzbar ist. Er kann am Empfang Gäste begrüßen, im Ladengeschäft über Produkte informieren und Kaufempfehlungen aussprechen. Seine Aktionen werden mithilfe eines Tablets, das auf seiner Brust installiert ist, bildhaft unterstützt. Noch in diesem Jahre sollen die ersten Praxiseinsätze in Deutschland starten. Ein namhafter Automobilhersteller und etliche Einzelhandelsunternehmen seien interessiert. Namen will die freundliche Dame am Softbank-Stand nicht verraten. Ich bin beeindruckt, aber auch enttäuscht. Die Optik des Humanoiden überzeugt mich nicht. Ich habe mir einen Roboter vorgestellt, der, nun ja, irgendwie menschlicher aussieht. Ich muss an Zeno denken. Von der Existenz des kleinen Roboterjungen habe ich kürzlich bei der Recherche zu einem Pflegethema erfahren. Zeno ist in seiner Optik einem etwa zehnjährigen Junge nachempfunden. Wuschlige Haare, Ohren, Augen, Nase, Mund. Alles da. Und im Einsatz auf der Pflegestation trug Zeno ein kuscheliges Fleecejäckchen. Pepper hingegen wirkt mit seinem weißen Kunststoffkörper aalglatt und steril. Die Optik sei bewusst gewählt worden, erklärt mir die Dame von Softbank. Menschen, vor allem Kinder, reagierten zwar sehr positiv auf Pepper, aber der Mensch bekäme Angst, wenn Roboter zu menschlich aussehen würden.

Marvin gibt der Künstlichen Intelligenz die physische Gestalt.

Am IBM-Stand mache ich die Bekanntschaft von Marvin  Eigentlich wollte ich Connie kennen lernen, aber Connie, das digitale Geschwisterchen von Marvin, muss in einer Hotellobby in den USA schuften. Aber ob Connie oder Marvin vor mir steht, ist völlig egal. Der Roboter, so wird mir erklärt, sei nur die physische Gestalt, um die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) für die Öffentlichkeit erfahrbar zu machen. Computerprogramme, die Lösungen für Probleme (echte oder konstruierte) berechnen, seien nämlich für den normalen Menschen kaum greifbar. Das, was Marvin kann, basiert auf dem IBM Computersystem Watson. Ein selbstlernendes System, das in der Lage ist aus Informationen eigene Schlüsse zu ziehen. Finanzdaten checken und Investitionen empfehlen, medizinische Ergebnisse analysieren und Tipps für die Diagnose geben und selbstverständlich auch im Service arbeiten. So wie Connie.

Marvin entspannt beim Yoga.

Und Marvin/Connie oder wie sie auch alle heißen mögen, machen auch als Unterhaltungskünstler eine gute Figur. Watson bzw. die von Watson gesteuerten Figuren verstehen die menschliche Sprache. Hört Marvin das Wort Yoga, geht er in Position und absolviert eine Abfolge von Yoga-Übungen. Ich bin begeistert. Marvin kann auch winken. Das wurde ihm kurzfristig beigebracht beziehungsweise am Tag vorher programmiert. Auf Wunsch eines Fernsehsenders. Alles bestens. Es muss enorm viel Rechenaufwand dazu gehören, die kleinen Roboter auf Stand zu halten und in Bewegung zu bringen.

Und doch, trotz aller technischen Höhenleistung, kommt trübe Stimmung auf. Marvin und Connie waren ursprünglich zu Dritt, erzählt mir die junge Frau am IBM-Stand. Das Robotertrio musste kürzlich einen schmerzlichen Verlust hinnehmen. Der dritte im Bund, seinen Namen habe ich vergessen, sei gestorben. Einfach vom Tisch gefallen, nun ist er tot. Ich bin bestürzt. Doch wohl hoffentlich kein Suizid, denke ich.

Ob die IBM-Leute den toten Roboter beerdigt haben, weiß ich nicht. Die Japaner hätten dies wohl getan. Japan ist das Partnerland der diesjährigen CeBIT. Und die Japaner sind, so hat es den Anschein, völlig Roboter versessen. Der Einsatz von Robotern und Humanoiden im Alltag, im Beruf und in der Pflege hat bei ihnen eine lange Tradition. Angst vor den Maschinen kennen die Japaner nicht. Sie glauben, dass Materie bzw. Roboter beseelt sind. Gehen zum Beispiel Roboter-Haustiere kaputt, werden sie beerdigt.

Zum Verwechseln ähnlich: Prof. Ishiguro und sein Android.

Hiroshi Ishiguro, Professor an der Osaka Universität in Japan, hat einen Androiden konstruiert, der ihm bis aufs Haar gleicht. Praktische Sache, findet der Professor. Niemand könne gleichzeitig an zwei Orten sein, einen Vortrag auf der CeBIT halten und an einer Diskussion in Japan teilnehmen. Mit einem Androiden ginge das schon.Kompliziert werde es, wenn er mit seinem Androiden auf Reisen geht. Der Künstliche wird in mehreren Koffern verpackt und die Zollbeamten reagierten durchaus befremdlich, wenn sie in einem Gepäckstück einen Kopf finden würden.

Ishiguro ist von Robotern und ihren Einsatzmöglichkeiten begeistert. Sie können Fremdsprachen unterrichten („Der Android ist der bessere Lehrer“), Alte in Pflegeheimen trösten und weinende Babys beruhigen. Mir fällt mein Teddy aus Kindertagen ein und wie stolz ich war als ich zu Weihnachten eine sprechende Puppe geschenkt bekam. Und mit der Pflegerobbe Paro habe ich auch schon gekuschelt. Aus beruflichen Gründen natürlich.

Auch Fernbeziehungen können von der Technik profitieren. Die Liebenden kuscheln mit einem Smartphone Holder während sie über große Distanz mit dem Partner telefonieren.

Für technische Spielereien habe ich viel übrig. Was spricht dagegen mich später im Seniorenheim von einem freundlichen Roboter bespassen zu lassen? Nix.Bedenken bleiben trotzdem. Was passiert mit den gesammelten Daten, der Währung im digitalen Zeitalter? Wer haftet bei Unfällen? Was ist, wenn ein Roboter auf Einkaufstour von einem selbstfahrenden Auto überfahren wird? Können sich künftig nur noch die Reichen leisten, im Alter in ihrem SMART-Home zu leben und von Menschen gepflegt zu werden? Wie viele Arbeitsplätze fallen weg und welche? Wie verändert das vermehrte Auftreten von Robotern das soziale Gefüge? Prof. Ishiguro spricht von einer Robot Society, von einer Robotergesellschaft.  Es gibt Theater und Filme, in den Androids mitspielen. Und was passiert, wenn die Technik in die falschen Hände gerät? Auch diese Frage stellt Prof. Ishiguro. Wer schreibt die Computerprogramme, die die Roboter steuern und welches Ziel steckt dahinter? Was ist, wenn Roboter nicht mehr nur rational handeln, sondern auch Gefühle zeigen und emotional lernfähg sind?

Den Entwicklern mangelt es heute nicht an technischer Innovationsfähigkeit. und in die Forschungen fließen sehr viel Steuergelder. Ich frage mich, ob wir statt technischer nicht alle mal soziale Innovationen brauchen. Wie lässt es sich sonst erklären, dass erwachsene Menschen einen Roboter umlagern, um ihm begeistert dabei zu zusehen, wie er eine Getränke-Bestellung an einen Kaffeeautomaten weiterleitet. Klatschen wir Applaus, wenn die Servicekraft im Café den Milchkaffee serviert?

Infos im Netz
Pepper::www.humanizing-technologies.com
Zeno: www.emorobot.inf.h-brs.de/roboter/
CeBIT: www.cebit.de